
Freitag ..., früher Abend ..., neun in Karate- Gi´s (und in etwaige
Trainingsanzüge, Sweat- Shirts, Mützen und Schals) gekleidete Damen und
Herren machen sich auf den Weg ..., auf den beschwerlichen Weg durch die
Dyks des Krefelder Nordbezirks. Nach der Hälfte der Strecke versammeln
sich alle in einem Kreis, ... Tsukis! „Jeder zählt Zehn, jeder Zehnte mit
Kiai!“, lautet die Vorgabe des Trainers, „und noch eine Runde“ verlangt
er, und dann „die letzten Zehn, jedes Mal Kiai“. Danach folgt eine kurze
Verbeugung, und es wird weiter gelaufen, jetzt schon wieder in Richtung
unserer Wahlheimat für dieses Wochenende, ... wir laufen zurück zum
Karate- Dojo Nakajama!
So begann am 14. Februar das traditionelle Kangeiko unter der Regie von
Erwin „dem Schleifer“ Querl, 5. Dan, Gründer, Cheftrainer & Dojoleiter des
Nakayama Dojo!
Von den ursprünglich angemeldeten 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmern
fanden sich letztlich 8 ein.
Für ein Kangeiko, wie es in Krefeld praktiziert wird ist eine „gute
Gesundheit“ mit Voraussetzung für die Teilnahme. Wie schon die Bedeutung
des Wortes KANGEIKO = Üben im Kalten besagt, sind niedrige Temperaturen
ebenfalls Bestandteil dieses Lehrgangs, und die hatten wir! Die tiefste
Temperatur (- 4 Grad) erwartete uns am Samstag- Morgen, doch dazu später
mehr!
Nachdem wir also den ersten Lauf absolviert hatten, wurden die
überschüssigen Kleidungsstücke entfernt, und das erste Training begann um
19.30 Uhr.
Zu beginn des Trainings machte Erwin uns auf das Hauptziel des Kangeikos
aufmerksam: Grenzerfahrungen! Es würden weniger Korrekturen, dafür mehr
Wiederholungen erfolgen, und wir sollten uns darauf einstellen, nicht nur
bis an unsere körperlichen und geistigen Grenzen zu gehen, sondern diese
auch zu überschreiten! Nur dadurch würden sich auch Leistungssteigerungen
einstellen. Durchhalten lautete die Devise.
Zudem bildete das Thema Distanz den „Roten Faden“ an diesem Wochenende und
die konnten wir in unzähligen Wiederholungen (Japan-like!) mit und ohne
Partner üben.
Erwin verbalisierte seine Erwartungen an uns immer wieder, und besonders
Äußerungen wie: „... ein Mae Keri ist und bleibt ein Mae Keri egal in
welcher Situation er gemacht wird. Also darf man ihn plötzlich nicht
anders machen als z. B. im Kihon, nur weil man ihn schnell macht, oder die
Distanz groß oder klein ist, denn dann verfälscht man die Technik und
erfüllt nicht die Vorgaben“ oder „Yame! ...nein, ... das gefällt mir so
nicht!“ brannten sich in unsere Gedächtnisse. Aber der Spitzenreiter war
und ist: „...die Vorgaben sind klar, ihr müsst sie nur umsetzen. Mehr
verlange ich nicht von euch!“
Nach der ersten Trainingseinheit begann für (fast) alle der gemütliche
Teil des Abends. Sauna, Abendessen und Entspannung in geselliger Runde
bildete den Abschluß des ersten Tages. Nur einer (und zwar meine
Wenigkeit) hatte noch volles Programm in Form einer Nachtschicht als Taxi-
Fahrer von 21- 6.30 Uhr. Nachdem in dieser fast- Vollmond- Nacht etwaige,
teilweise kaum noch zurechnungsfähige und mit unter „am- Rad- drehende“
Mitbürger meine Dienste in Anspruch genommen hatten kam ich pünktlich (und
genervt) zum besagten (kalten) Frühlauf.
Nach der üblichen Runde versammelten wir uns wieder im Dojo, um an
unserem Distanzgefühl weiter zu feilen. Die Vorgaben waren ja klar (!),
dennoch hatte der eine oder andere hier und da einige Defizite.
Einzeltechniken und Kombinationen in nicht enden wollenden Bahnen wurden
von uns absolviert. Nach einer Stunde war auch diese Trainingseinheit
überstanden, und wir genehmigten uns ein gemütliches Frühstück. Die Zeit
bis zur Mittags- Trainingseinheit (12- 13.30 Uhr) wurde unterschiedlich
genutzt. Um 12 Uhr war es dann soweit. Das Highlight des Wochenendes
begann. In den nun folgenden 1 ½ Stunden schöpfte unser „Schleifer“ aus
dem vollen! Partnerübungen schon in der Aufwärmphase waren der Grundstein
für eine von intensivster Atmosphäre überquellende Trainingseinheit. Alle
waren voll dabei, und hatten Riesenspaß. Ob nun paarweise oder in zwei
Gruppen geübt wurde, ... man konnte es im Dojo förmlich knistern hören! Ab
und zu wurde das Knistern durch einen allzu unkontrollierten Tzuki Jodan
von unserem Nimal unterbrochen (Autsch), womit jeder konfrontiert wurde,
was aber der allgemeinen Stimmung kaum schadete! Es wurden Kizami Tsukis
auf die in einer Reihe hintereinander stehenden Partner abgefeuert, es
sollten nacheinander Jodan Kizami-, Shudan Oi- und wieder Jodan Kizami-
Tzuki an die im Dreieck stehenden Partner platziert werden, wobei
unterschiedliche Distanzen überbrückt und hierzu Schrittwechsel oder
Stepps genutzt werden mussten (was manchmal wie „ein Storch im Salat“
aussah), dann sollten sich vor zwei Verteidigern (die mit Abstand
nebeneinander standen) jeweils die anderen aufteilen und nacheinander erst
vorgegeben und dann frei angreifen. Die Verteidiger reagierten mit Sabaki
+ Konter und drehten sich dann zueinander, worauf wiederum einer angriff,
und der andere reagierte! Abschließend dann Freikampf mit wechselnden
Partnern. Eine absolut phantastische Erfahrung für alle!
Zwischen Fleisch, Gemüse und 100 Wiederholungen!
Nach
dem Training wurden die Vorbereitungen für das traditionell japanische
Abendessen getroffen. Dieses Jahr sollte es Shabu- Shabu ( Rindfleisch-
Gemüse-Topf) sein. Dazu mussten Gemüse und das Fleisch gewaschen und
geschnitten werden, und schließlich der Tisch gedeckt werden. Um 16 Uhr
ging es dann weiter mit Kata. In anbetracht der Tatsache, dass Frank (ein
nach Trier ausgewandertes Ex- Vereinsmitglied, das in Luxemburg unter
anderem bei Dirk Heene oder Marc Stevens trainiert) im Mai seine Nidan-
Prüfung bei Kase- Shihan absolvieren wird (!!), wurden Heian 1-3 Ura, Go
und Ura- Go (also seitenverkehrt, rückwärts und seitenverkehrt-
rückwärts!!), Heian 4 Ura, Go und Empi (Franks Tokui Kata) ausgeführt. Um
die Sinnhaftigkeit dieser Übungsformen zu untermalen rundeten einzelne
Bunkai- Sequenzen diese Kata- Stunde ab. Erwin befasste sich in dieser
Stunde intensiver mit Frank, und gab ihm noch zusätzliche Tipps und
Anregungen.
Dann kam, was sich nicht vermeiden ließ: der Kraft-Zirkel !! Wir schlossen
uns zu Paaren zusammen und absolvierten insgesamt 8 Übungen : Bankdrücken
, Oberschenkel Curls, Kniebeugen, Trizeps- Ziehen, rückseitige Kurzhantel
Curls, Sit- Ups, Gyaku Tsuki- und Shuto Uke am Makiwara. Jede Übung wurde
100 Mal wiederholt, wobei die Anzahl der Sätze selbst bestimmt werden
konnte! Motiviert durch den Rocky- Soundtrack gingen wir gemeinsam durch
die „Eisen- Hölle“ wobei sich bei dem einen oder anderen sowohl Lieblings-
als auch Hassübungen heraus kristallisierten. Endlich war auch diese Hürde
genommen. Viele hatten Makiwara- Blessuren davongetragen (siehe Foto),
doch alle waren zufrieden mit sich und auch ein klein wenig Stolz, diesen
harten Tag überstanden zu haben. Doch was keiner erwartet hätte folgte
dann in der Sauna, als Erwin verkündete: „Ich mache gleich einen 10
Minuten Aufguss. Wer dann noch drin ist, muss drin bleiben (...die
Vorgaben sind klar!)!“ Lange Rede kurzer Sinn, wir waren 7, und es war
...heiß!
Essen und trinken auf japanisch oder - sei höflich und ...biete zuerst an!
Das
anschließende Essen, eingeleitet durch einen Sake- Coctail und Erwins
Unterweisung der Ess- und Trink- Etikette: eine Schale NUR für Reis, man
darf Sake NUR trinken, wenn es einem angeboten wird, etc. (da haben wir
sie wieder, die Vorgaben!) bildete einen gelungenen Ausklang dieses durch
Extrema geprägten Tages. Bemerkenswert war besonders die
Höflichkeitsskala! Wollte man höflich sein, bot man dem oder den Nachbarn
Sake an, goss ein, und diese bedankten sich höflichst, indem sie am
besagten Sake nippten! Wollte man hingegen äußerst höflich sein, war es
erforderlich, sein noch gefülltes Schälchen zu leeren, um dem anbietenden
Nachbarn die Möglichkeit zu geben, nachzuschenken! Man kann sich denken,
das dieser Abend vor Höflichkeit erstrahlte!
Nach der wohlverdienten Nachtruhe folgte der letzte Lauf durch die
morgendliche, kalte aber auch reine Luft. Nachdem alle dann wieder im Dojo
standen bereitete Erwin uns wieder in alter Schleifermanier vor: „Das ist
jetzt die letzte Trainingseinheit. Gebt bitte noch einmal alles und
kämpft!“. Kihon, Kata, Kumite. Das waren die Inhalte, und dann extra noch
einmal für Frank: Empi. Zwei Mal mit Kommando (wobei schon die
Oberschenkel arg schmerzten), dann einmal ohne Kommando aber stark, und
alle legten sich ins Zeug, aber... es gefiel Erwin nicht! Also erneut (und
jetzt drohten die Oberschenkel zu zerbersten). Wir freuten uns,... aber
wir freuten uns zu früh! „Alle in Kiba Dachi, linke Faust vor. Jeder zählt
Zehn, jeder Zehnte mit Kiai. Wenn ihr euch nicht bemüht fangen wir wieder
von vorne an!“(Vorgaben!) Und los ging´s. Dann kamen die letzten zehn mit
Kiai, und wir waren erlöst!
Nach dem Abgrüßen ließ es sich der „Schleifer“ nicht nehmen, die Gruppe zu
loben! Die Arbeit mit uns hatte ihm Spaß gemacht, und der Einsatz, den
jeder brachte war das, was er sehen wollte! Das tat gut!
Die anschließende Kritik über die unterschiedlichen Bekleidungsformen
während des Laufens (dunkle Oberteile unter dem Gi, Hosen, die so lang
sind, dass sie unter der Gi- Hose hervorscheinen,...) was Erwin überhaupt
nicht gefiel (er selbst lief nur mit einem weißen T-Shirt unter dem Gi!!)
und er in Äußerungen wie z.B. „... wie bunte Papageien durch die Gegend
laufen“ verbalisierte, wurde zwar gehört, doch denke ich persönlich, dass
man da evtl. Kompromisse eingehen könnte.
Immerhin geht es darum sich anzustrengen und Grenzerfahrungen zu machen,
doch sollte die Gesundheit im Vordergrund stehen. Ich persönlich denke,
dass wenn man Mütze, Schal und/oder Pulli zum Gi trägt, das Karate als
ernste und respektvoll zu behandelnde Kampfkunst nicht verzerrt nach außen
hin dargestellt wird. Man (und auch ich) sollte dabei vielleicht darauf
achten dezentere Farben zu tragen.
Nach dem gemütlichen Frühstück wurde noch gemeinsam aufgeräumt, geputzt
und gestaubsaugt, so dass wir das Karate- Dojo Nakayama Krefeld so
verließen, wie wir es vorgefunden hatten.
An dieser Stelle möchte ich Erwin nochmals für seine kritische und
fordernde Haltung danken. Das aufmerksame Zusehen und Zuhören ist das A
und O in einer Trainingseinheit. Darauf basiert alles!
Die Vorgaben sind klar!
Dan
ke auch im Namen der übrigen Teilnehmer/innen, die da
wären:
Leo, Kornel, Frank, Erwin,
Renato, Heike, Gregor , Nimal,
Steffi (am Samstag und me, myself and I George an der Kamera)
0ss, Georgos Roumeliotis