Bericht vom Kangeiko 2003

Kangeiko 2003 in Krefeld mit Erwin Querl

Kangeiko

„ Die Vorgaben sind klar,...“
 

Vom 14.-16. Februar fand in Krefeld das alljährliche Kangeiko, ein Lehrgang, der traditioneller Weise in der kältesteten Jahreszeit ausgeführt wird, statt. Die Organisation und Leitung oblag wie immer Erwin Querl, 5. Dan JKA.

 

Der 1. Tag - Grenzerfahrung und Distanz -

Freitag ..., früher Abend ..., neun in Karate- Gi´s (und in etwaige Trainingsanzüge, Sweat- Shirts, Mützen und Schals) gekleidete Damen und Herren machen sich auf den Weg ..., auf den beschwerlichen Weg durch die Dyks des Krefelder Nordbezirks. Nach der Hälfte der Strecke versammeln sich alle in einem Kreis, ... Tsukis! „Jeder zählt Zehn, jeder Zehnte mit Kiai!“, lautet die Vorgabe des Trainers, „und noch eine Runde“ verlangt er, und dann „die letzten Zehn, jedes Mal Kiai“. Danach folgt eine kurze Verbeugung, und es wird weiter gelaufen, jetzt schon wieder in Richtung unserer Wahlheimat für dieses Wochenende, ... wir laufen zurück zum Karate- Dojo Nakajama!
So begann am 14. Februar das traditionelle Kangeiko unter der Regie von
Erwin „dem Schleifer“ Querl, 5. Dan, Gründer, Cheftrainer & Dojoleiter des Nakayama Dojo!
Von den ursprünglich angemeldeten 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmern fanden sich letztlich 8 ein.
Für ein Kangeiko, wie es in Krefeld praktiziert wird ist eine „gute Gesundheit“ mit Voraussetzung für die Teilnahme. Wie schon die Bedeutung des Wortes KANGEIKO = Üben im Kalten besagt, sind niedrige Temperaturen ebenfalls Bestandteil dieses Lehrgangs, und die hatten wir! Die tiefste Temperatur (- 4 Grad) erwartete uns am Samstag- Morgen, doch dazu später mehr!
Nachdem wir also den ersten Lauf absolviert hatten, wurden die überschüssigen Kleidungsstücke entfernt, und das erste Training begann um 19.30 Uhr.
Zu beginn des Trainings machte Erwin uns auf das Hauptziel des Kangeikos aufmerksam: Grenzerfahrungen! Es würden weniger Korrekturen, dafür mehr Wiederholungen erfolgen, und wir sollten uns darauf einstellen, nicht nur bis an unsere körperlichen und geistigen Grenzen zu gehen, sondern diese auch zu überschreiten! Nur dadurch würden sich auch Leistungssteigerungen einstellen. Durchhalten lautete die Devise.
Zudem bildete das Thema Distanz den „Roten Faden“ an diesem Wochenende und die konnten wir in unzähligen Wiederholungen (Japan-like!) mit und ohne Partner üben.
Erwin verbalisierte seine Erwartungen an uns immer wieder, und besonders Äußerungen wie: „... ein Mae Keri ist und bleibt ein Mae Keri egal in welcher Situation er gemacht wird. Also darf man ihn plötzlich nicht anders machen als z. B. im Kihon, nur weil man ihn schnell macht, oder die Distanz groß oder klein ist, denn dann verfälscht man die Technik und erfüllt nicht die Vorgaben“ oder „Yame! ...nein, ... das gefällt mir so nicht!“ brannten sich in unsere Gedächtnisse. Aber der Spitzenreiter war und ist: „...die Vorgaben sind klar, ihr müsst sie nur umsetzen. Mehr verlange ich nicht von euch!“
Nach der ersten Trainingseinheit begann für (fast) alle der gemütliche Teil des Abends. Sauna, Abendessen und Entspannung in geselliger Runde bildete den Abschluß des ersten Tages. Nur einer (und zwar meine Wenigkeit) hatte noch volles Programm in Form einer Nachtschicht als Taxi- Fahrer von 21- 6.30 Uhr. Nachdem in dieser fast- Vollmond- Nacht etwaige, teilweise kaum noch zurechnungsfähige und mit unter „am- Rad- drehende“ Mitbürger meine Dienste in Anspruch genommen hatten kam ich pünktlich (und genervt) zum besagten (kalten) Frühlauf.
 

Der 2. Tag – Kämpfen, schwitzen und dann ... genießen–

Nach der üblichen Runde versammelten wir uns wieder im Dojo, um an unserem Distanzgefühl weiter zu feilen. Die Vorgaben waren ja klar (!), dennoch hatte der eine oder andere hier und da einige Defizite. Einzeltechniken und Kombinationen in nicht enden wollenden Bahnen wurden von uns absolviert. Nach einer Stunde war auch diese Trainingseinheit überstanden, und wir genehmigten uns ein gemütliches Frühstück. Die Zeit bis zur Mittags- Trainingseinheit (12- 13.30 Uhr) wurde unterschiedlich genutzt. Um 12 Uhr war es dann soweit. Das Highlight des Wochenendes begann. In den nun folgenden 1 ½ Stunden schöpfte unser „Schleifer“ aus dem vollen! Partnerübungen schon in der Aufwärmphase waren der Grundstein für eine von intensivster Atmosphäre überquellende Trainingseinheit. Alle waren voll dabei, und hatten Riesenspaß. Ob nun paarweise oder in zwei Gruppen geübt wurde, ... man konnte es im Dojo förmlich knistern hören! Ab und zu wurde das Knistern durch einen allzu unkontrollierten Tzuki Jodan von unserem Nimal unterbrochen (Autsch), womit jeder konfrontiert wurde, was aber der allgemeinen Stimmung kaum schadete! Es wurden Kizami Tsukis auf die in einer Reihe hintereinander stehenden Partner abgefeuert, es sollten nacheinander Jodan Kizami-, Shudan Oi- und wieder Jodan Kizami- Tzuki an die im Dreieck stehenden Partner platziert werden, wobei unterschiedliche Distanzen überbrückt und hierzu Schrittwechsel oder Stepps genutzt werden mussten (was manchmal wie „ein Storch im Salat“ aussah), dann sollten sich vor zwei Verteidigern (die mit Abstand nebeneinander standen) jeweils die anderen aufteilen und nacheinander erst vorgegeben und dann frei angreifen. Die Verteidiger reagierten mit Sabaki + Konter und drehten sich dann zueinander, worauf wiederum einer angriff, und der andere reagierte! Abschließend dann Freikampf mit wechselnden Partnern. Eine absolut phantastische Erfahrung für alle!

Zwischen Fleisch, Gemüse und 100 Wiederholungen!

Nach dem Training wurden die Vorbereitungen für das traditionell japanische Abendessen getroffen. Dieses Jahr sollte es Shabu- Shabu ( Rindfleisch- Gemüse-Topf) sein. Dazu mussten Gemüse und das Fleisch gewaschen und geschnitten werden, und schließlich der Tisch gedeckt werden. Um 16 Uhr ging es dann weiter mit Kata. In anbetracht der Tatsache, dass Frank (ein nach Trier ausgewandertes Ex- Vereinsmitglied, das in Luxemburg unter anderem bei Dirk Heene oder Marc Stevens trainiert) im Mai seine Nidan- Prüfung bei Kase- Shihan absolvieren wird (!!), wurden Heian 1-3 Ura, Go und Ura- Go (also seitenverkehrt, rückwärts und seitenverkehrt- rückwärts!!), Heian 4 Ura, Go und Empi (Franks Tokui Kata) ausgeführt. Um die Sinnhaftigkeit dieser Übungsformen zu untermalen rundeten einzelne Bunkai- Sequenzen diese Kata- Stunde ab. Erwin befasste sich in dieser Stunde intensiver mit Frank, und gab ihm noch zusätzliche Tipps und Anregungen.
Dann kam, was sich nicht vermeiden ließ: der Kraft-Zirkel !! Wir schlossen uns zu Paaren zusammen und absolvierten insgesamt 8 Übungen : Bankdrücken , Oberschenkel Curls, Kniebeugen, Trizeps- Ziehen, rückseitige Kurzhantel Curls, Sit- Ups, Gyaku Tsuki- und Shuto Uke am Makiwara. Jede Übung wurde 100 Mal wiederholt, wobei die Anzahl der Sätze selbst bestimmt werden konnte! Motiviert durch den Rocky- Soundtrack gingen wir gemeinsam durch die „Eisen- Hölle“ wobei sich bei dem einen oder anderen sowohl Lieblings- als auch Hassübungen heraus kristallisierten. Endlich war auch diese Hürde genommen. Viele hatten Makiwara- Blessuren davongetragen (siehe Foto), doch alle waren zufrieden mit sich und auch ein klein wenig Stolz, diesen harten Tag überstanden zu haben. Doch was keiner erwartet hätte folgte dann in der Sauna, als Erwin verkündete: „Ich mache gleich einen 10 Minuten Aufguss. Wer dann noch drin ist, muss drin bleiben (...die Vorgaben sind klar!)!“ Lange Rede kurzer Sinn, wir waren 7, und es war ...heiß!

Essen und trinken auf japanisch oder - sei höflich und ...biete zuerst an!

Das anschließende Essen, eingeleitet durch einen Sake- Coctail und Erwins Unterweisung der Ess- und Trink- Etikette: eine Schale NUR für Reis, man darf Sake NUR trinken, wenn es einem angeboten wird, etc. (da haben wir sie wieder, die Vorgaben!) bildete einen gelungenen Ausklang dieses durch Extrema geprägten Tages. Bemerkenswert war besonders die Höflichkeitsskala! Wollte man höflich sein, bot man dem oder den Nachbarn Sake an, goss ein, und diese bedankten sich höflichst, indem sie am besagten Sake nippten! Wollte man hingegen äußerst höflich sein, war es erforderlich, sein noch gefülltes Schälchen zu leeren, um dem anbietenden Nachbarn die Möglichkeit zu geben, nachzuschenken! Man kann sich denken, das dieser Abend vor Höflichkeit erstrahlte!
 

Der 3. Tag – Aktivierung der Reserven –

Nach der wohlverdienten Nachtruhe folgte der letzte Lauf durch die morgendliche, kalte aber auch reine Luft. Nachdem alle dann wieder im Dojo standen bereitete Erwin uns wieder in alter Schleifermanier vor: „Das ist jetzt die letzte Trainingseinheit. Gebt bitte noch einmal alles und kämpft!“. Kihon, Kata, Kumite. Das waren die Inhalte, und dann extra noch einmal für Frank: Empi. Zwei Mal mit Kommando (wobei schon die Oberschenkel arg schmerzten), dann einmal ohne Kommando aber stark, und alle legten sich ins Zeug, aber... es gefiel Erwin nicht! Also erneut (und jetzt drohten die Oberschenkel zu zerbersten). Wir freuten uns,... aber wir freuten uns zu früh! „Alle in Kiba Dachi, linke Faust vor. Jeder zählt Zehn, jeder Zehnte mit Kiai. Wenn ihr euch nicht bemüht fangen wir wieder von vorne an!“(Vorgaben!) Und los ging´s. Dann kamen die letzten zehn mit Kiai, und wir waren erlöst!
Nach dem Abgrüßen ließ es sich der „Schleifer“ nicht nehmen, die Gruppe zu loben! Die Arbeit mit uns hatte ihm Spaß gemacht, und der Einsatz, den jeder brachte war das, was er sehen wollte! Das tat gut!
Die anschließende Kritik über die unterschiedlichen Bekleidungsformen während des Laufens (dunkle Oberteile unter dem Gi, Hosen, die so lang sind, dass sie unter der Gi- Hose hervorscheinen,...) was Erwin überhaupt nicht gefiel (er selbst lief nur mit einem weißen T-Shirt unter dem Gi!!) und er in Äußerungen wie z.B. „... wie bunte Papageien durch die Gegend laufen“ verbalisierte, wurde zwar gehört, doch denke ich persönlich, dass man da evtl. Kompromisse eingehen könnte.
Immerhin geht es darum sich anzustrengen und Grenzerfahrungen zu machen, doch sollte die Gesundheit im Vordergrund stehen. Ich persönlich denke, dass wenn man Mütze, Schal und/oder Pulli zum Gi trägt, das Karate als ernste und respektvoll zu behandelnde Kampfkunst nicht verzerrt nach außen hin dargestellt wird. Man (und auch ich) sollte dabei vielleicht darauf achten dezentere Farben zu tragen.

Nach dem gemütlichen Frühstück wurde noch gemeinsam aufgeräumt, geputzt und gestaubsaugt, so dass wir das Karate- Dojo Nakayama Krefeld so verließen, wie wir es vorgefunden hatten.

An dieser Stelle möchte ich Erwin nochmals für seine kritische und fordernde Haltung danken. Das aufmerksame Zusehen und Zuhören ist das A und O in einer Trainingseinheit. Darauf basiert alles!
Die Vorgaben sind klar!
 

Dan
ke auch im Namen der übrigen Teilnehmer/innen, die da wären:
Leo, Kornel, Frank, Erwin,
Renato, Heike, Gregor , Nimal,
Steffi (am Samstag und me, myself and I George an der Kamera)

0ss,  Georgos Roumeliotis


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